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Aktuelles

Amerikaaustausch 2019 - Erfahrungsbericht Hannes Czempiel

07.02.2020
Hannes Czempiel (KS1) und sein Austauschpartner
Hannes Czempiel (KS1) und sein Austauschpartner

von Hannes Czempiel/Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Gaildorfer Rundschau

Nun ist offiziell auch der diesjährige USA-Austausch am Schenk-von-Limpurg Gymnasium zu einem Ende gekommen. Nach dem Aufenthalt der Gaildorfer Schüler bei ihrer Gastfamilie im April und dem Gegenbesuch der jeweiligen Gastschüler in den vergangenen Wochen berichten Benjamin Bryan Nichols und Hannes Czempiel von ihren gemeinsamen Erlebnissen und Erfahrungen in den USA sowie in Deutschland.
 
„Es war zuerst alles ein bisschen größer.“ Als ich am Flughafen in Knoxville, Tennessee ankam wurde ich im scheinbar gigantischen Pickup-Truck abgeholt und konnte es kaum glauben wie anders die Häuser im amerikanischen Baustil aussehen. Großflächige Wohnviertel gleich einer Reihensiedlung mit roten Ziegelbauten und amerikanischen Autos in den Einfahrten.

Ich habe seit einer halben Ewigkeit auf diese Chance gewartet. Nicht nur würde ich meine Englischkenntnisse verbessern und sozusagen auf dem Feld testen, sondern auch meine eigenen Erfahrungen mit der amerikanischen Kultur machen.
Eines der wünschenswertesten Unterschiede, finde ich, war das Autofahren. Bereits im ersten Morgengrauen habe ich das festgestellt. Nach einem schnellen Frühstücksbagel bin ich mit meinem Austauschpartner in die Schule gefahren! Wir mussten nicht wie gewöhnlich jeden Tag auf einen überfüllten Bus warten. Da es in Tennessee möglich ist seinen Führerschein bereits mit 16 Jahren zu erlangen, waren wir frei vom Mama-Taxi und konnten zusätzlich auch in der Freizeit fast alles mit dem Auto erreichen. Sehr praktisch, um zum Beispiel die facettenreiche Gegend zu erkunden.
Die High School die ich während meinem Aufenthalt besichtigt habe lässt sich am Besten mit einer Gesamtschule vergleichen. Von Jedem wird das Gleiche erwartet, aber man kann sich vom allgemein niedrigen Bildungsniveau abheben, indem man anspruchsvollere Schulfächer belegt.
Persönlich stand für mich stark der Unterschied in der Anrechnung der mündlichen Beteiligung während des Unterrichts heraus. In Deutschland zählt diese 50% der Gesamtnote, in Amerika überhaupt nicht. Deshalb gab es auch durchaus apathische und unmotivierte Schüler, die die Zeit am Smartphone absaßen. In der Schule hatte ich nicht eine Klasse, so wie in Deutschland, sondern durch das Kurssystem in jedem Kurs andere Mitschüler. Natürlich gefiel es mir sehr, weil ich somit viele Leute auf einmal kennenlernen konnte. Die Kurse die ich gewählt habe waren auch etwas exotischer als die mir in Deutschland angebotenen. Als Beispiele wären da Soziologie, Programmieren und Honors-Calculus, was einem Universitätskurs in Mathematik entsprechen sollte.
Kulturschocks gab es zwar nur geringfügig, jedoch war ein sehr herausstechendes Beispiel der Müll. Durch den häufigen Gebrauch von Einwegbesteck, Plastikbechern und Papiertellern häufte sich dieser ganz schön an und das obwohl wir nur einen 4 Personen Haushalt bildeten. Es ist auch kein Geheimnis, dass Amerikaner wenig wiederverwenden und im Vergleich zu Deutschland unverhältnismäßig viel Auto fahren.
Eine der größten Sprachherausforderungen sollte mich bei einem großen Dinner mit der Familie überraschen, als die Großmutter, als eingefleischte Südstaatlerin natürlich auch mit schwerem Dialekt redete. Abgesehen von den Sprachbarrieren konnte ich aber generell froh sein, dass die Verständigung ziemlich reibungslos verlaufen ist; sei es mit den Schulkameraden, Familienmitgliedern oder Freunden.
Unter den typischen Fragen, die man zuhause nach einem Auslandsaufenthalt gestellt bekommt, taucht dann immer wieder eine auf: „Wie war denn das Essen?“
Das Essen hat mich umgehauen. Ich muss jetzt sagen, dass sich in diesem Gebiet viele der eher negativ behafteten Vorurteile bestätigen. Natürlich gebe ich zu, dass es geschmeckt hatte und auch schnell mal auf dem Heimweg abzuholen ist, aber nach einem Monat war ich fertig mit Fertiggerichten. Das Fastfood hat dort nicht umsonst den Beinamen „Junkfood“ – also Müll-Essen.
Außerhalb der Vereinigten Staaten ist es nicht ungewöhnlich von Vorurteilen vom typischen Amerikaner zu hören; dem patriotischen und konservativen Trump Anhänger zum Beispiel.
Ich scheue aber nicht zurück, sondern gestehe, dass manche der besten Momente am Esstisch geprägt von starken politischen Diskussionen waren, weil offen sind die Amerikaner über ihre Meinung ganz gewiss. Zu Recht, denn mehr als einmal wurde ich an das „Erste Amendment“ in der Verfassung erinnert – das Synonym der Meinungsfreiheit. Darum war ich auch Zeuge von „Make America Great Again!“ – Stickern auf den Autos von Schülern.
Was auch noch typisch für die Südstaaten ist, ist die Gastfreundschaft. Selbige ist dementsprechend auch an jeder Straßenecke zu finden. Besonders überraschend ist dabei die ungeheuerliche Nettigkeit und Höflichkeit von Jedem, der mir begegnet ist. Einmal hat mir eine fremde Seniorin an der Supermarktkasse angeboten Süßigkeiten zu kaufen, als sie gehört hatte ich sei nicht von hier. Wir kamen einfach ins Gespräch darüber, wie ihr Name `Miller‘ vom Deutschen abstammt, und ihr Mann in Deutschland stationiert war. Weil ich nicht von der Gegend war meinte sie, muss ich folglich unbedingt sogenannte „Cracker Jacks“ probieren. Von da war es nicht mehr weit bis ich ihr fast die Tüte Karamell-Popcorn aus der Hand reißen musste, da sie entschlossen dazu bereit war mir sie zu kaufen. Dieses Gespräch und viele ähnliche, haben unabdingbar meine Eindrücke von der Gegend verändert und ich hoffe, dass sie Amerikaner nicht in schlechtem Licht sehen oder pauschal über sie urteilen.
An einem freien Wochenende konnte ich die Great Smoky Mountains besteigen, einer der meistbesichtigten Nationalparks in den Vereinigten Staaten. Ein Muss, da es praktisch vor der Haustüre lag. Anschließend waren wir im Country Freizeitpark namens „Dollywood“. Die weltberühmte Country-Sängerin Dolly Parton („Jolene“) hat nämlich einen eigenen Freizeitpark in Gatlinburg, Tennessee.
Auf einem Abstecher nach Kentucky haben wir eine Höhlentour durch die beeindruckenden Mammoth Caves unternommen. Das Höhlensystem ist insgesamt über 600km lang und damit das größte der Welt! Ein persönliches Highlight war die Wanderung in den dunklen Höhlen mit nichts außer einer Öllampe, ähnlich wie die Führungen die es schon vor 150 Jahren gab.
In der letzten Woche startete das Abschiednehmen von allen meinen neu gewonnenen Freunden und den liebgewonnenen Familienmitgliedern. Meine Sichtweise über Amerika hat sich über die vergangenen Wochen ganz klar gewandelt.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich eine positive Erfahrung gemacht habe und ich bin unglaublich froh darüber, dass sich mir die Möglichkeit angeboten hat, diese fremde und weit entfernte Kultur näher kennen zu lernen. Es waren die kleinen Momente, die aus meiner Sprachreise eine unersetzbare Erfahrung in meinem Leben geschaffen haben.
Der Gegenbesuch in Deutschland sollte dann am 15 Juni starten. Nach einer eineinhalb Monate langen Unterbrechung durften wir Ben dann am Frankfurter Flughafen begrüßen. Zusammen mit anderen Gastschülern haben diese uns dann von Mitte Juni bis Juli diesen Jahres im Unterricht im Schenk-von-Limpurg Gymnasium begleitet.
Am Anfang hatte Benjamin es nicht leicht, da die Zeitverschiebung ziemlich groß war, aber nach den ersten Tagen im neuen Zuhause konnten wir beginnen Ausflüge zu machen und Aktivitäten zu unternehmen.
Ben kam hier her mit verschiedenen Vorstellungen in seinem Kopf und um eine davon zu bestätigen, sind wir in die gut präservierte mittelalterliche Stadt Rottenburg ob der Tauber gereist. Ein Highlight war natürlich die über 500 Jahre alte Stadtkirche, die schon in Rothenburg stand als Amerika erst entdeckt wurde! Es war für ihn faszinierend wie alt und gut erhalten manche der Gebäude in Deutschland immer noch sind, auch nach zwei Weltkriegen.
Ein weiterer Höhepunkt war auch eines der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands – das Schloss Neuschwanstein. Hierbei war die sonderbare Geschichte der Entstehung und des Erschaffers Ludwig des II. von Bayern, sowie das imposante Gebäude selbst einen Trip Wert. Mit anschließender Wanderung am Forggensee haben wir das Allgäu in Fülle erlebt. Die Natur in Deutschland war für den Südstaatler vor allem eins – grün und wunderschön.
Da zur vollen deutschen Erfahrung auch Kulinarische Besonderheiten gehören, hatte Ben sich quasi wagemutig einmal durch die Deutsche- und Schwäbische Speisekarte probiert. Zwiebelrostbraten, Leberkäse, Schweinshaxe sowie die berüchtigten Herrgottbscheißerle. Das was ihm am meisten geschmeckt hatte waren aber Schnitzel mit Spätzlen. Eine eher weniger prominente Speise konnte Ben aber gar nicht ab und beschrieb die Schwäbische Tellersülze mit den Worten „Nicht gut“.
Eines der weltbekanntesten Produkte der Deutschen – das Bier – ist in den USA nur in Billigversionen zu erhalten. Dementsprechend war es von größter Wichtigkeit auch gutes deutsches Bier zu trinken, da er hier legal dazu in der Lage war. Bis zum Ende des Austausches ist er ein großer Freund davon geworden.
Benjamin war nicht nur das erste Mal in Deutschland, sondern auch in Europa deswegen mussten wir ihm am letzten Wochenende wenigstens ein bisschen Abwechslung bieten indem wir zum Europapark gegangen sind. Der Themenpark ist in verschiedene Länder aufgeteilt und wird auch noch durch landestypisches Essen und dergleichen ausgeschmückt. Ob eine Achterbahn durch Griechenland das volle Bild vermittelt war dann auch gar nicht mehr wichtig, weil Spaß hatten wir ohnehin.
Das letzte was wir ihm dann noch zeigten war nichts anderes als die Landeshauptstadt Stuttgart. Ich stellte ihn vor die Wahl ob wir das Mercedes-Benz-Museum besichtigen sollen oder das Porsche Museum. Zumal sein Vater bereits einen Porsche besaß, brannte mein Austauschschüler darauf die alten Porsche Modelle in einem Museum hier zu sehen. Anschließend gehörte da obligatorisch noch das Ablaufen der Königsstraße dazu, sowie der abschließende Blick über Deutschland mit bester Aussicht vom Fernsehturm.
Wir hoffen, dass wir weiter in Kontakt bleiben können, um diese transatlantische Freundschaft aufrechtzuerhalten. Geplant hat Benjamin schon nächstes Jahr wieder nach Deutschland zu kommen. Für uns beide war der Schüleraustausch ein riesiger Erfolg.